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Ein Freiwilligendienst zwischen Examen und Promotionsbeginn...

von Dominikus Pohl

Im Mai 2006 fiel die Entscheidung: Nach einem kurzfristig anberaumten Gespräch mit Peter in der Missionsprokur in Nürnberg stand für mich fest, dass ich ab Sommer rund vier Monate in Caracas, Venezuela, verbringen würde. Mein Wunsch bestand darin, nach bestandenem Examen die Monate bis zum Promotionsbeginn nicht ausschließlich durch exzessives Reisen zu verbringen, sondern vielmehr durch einen längeren Aufenthalt im Rahmen eines Freiwilligendienstes im Zielkontinent Südamerika tiefer in Kultur und Mentalität der Menschen einzutauchen.
Um erste Erfahrungen auf einem mir bisher fremden Teil der Erde nicht allein sammeln zu müssen, wurde ich kurzerhand von Peter auf den noch freien Platz in der anstehenden Exposure-Reise der werkstatt weltweit nach Venezuela gebucht, um direkt im Anschluss meine Arbeit in einer jesuitischen Institution in Caracas im Rahmen des WeWeX Programms zu beginnen.
Geplant war ursprünglich ein Einsatz im sozialwissenschaftlichen Institut der Jesuiten (Centro Gu-milla) in Caracas, was sich im Verlauf des Reiseantritts jedoch als nicht realisierbar herausstellte. Alternativ wurde mir daher angeboten, mich in die Projektverwaltung des jesuitischen Jugendhilfswerks Huellas einzubringen. Trotz meiner deutlichen Präferenz für die ursprünglich geplante Variante wollte ich den Lateinamerika-Aufenthalt an der Beschäftigungsfrage nicht scheitern lassen, da es mir in erster Linie nicht um die spezifische Tätigkeit vor Ort ging – sonst hätte ich wohl aufgrund von Ausbildung und Interessenlage im rein ökonomischen Umfeld tätig werden müssen – sondern vielmehr um die interkulturelle Erfahrung, welche ich meiner Meinung nach bei Huellas ähnlich gut sammeln könnte.
Ende Juli war die Zeit des Abflugs gekommen und ich begab mich mit recht ungenauen Vorstellungen hinsichtlich des zu Erwartenden auf meinen Weg nach Venezuela. Die Gespräche welche ich im Vorfeld mit anderen Venezuela Reisenden geführt hatte, waren speziell aufgrund der etwas prekären Sicherheitslage im Land nicht immer für „familiäre Ohren“ geeignet.
Aber die ersten vier Wochen sollte ich ja noch die Gesellschaft der 15 anderen Teilnehmer der Exposure-Gruppe genießen. Über diese Erfahrung wird oder wurde sicherlich von anderer Seite detailliert berichtet, so dass ich an dieser Stelle auf ausführliche Berichterstattung verzichten möchte.
Nachdem diese Ende August wieder nach Deutschland geflogen war, entstand nun Raum für noch tiefere Kontakte, Erfahrungsaustausch und Diskussion. Einschränkend ist hier allerdings hinzuzufügen, dass die vier Wochen der Exposure-Reise – wie der Name schon sagt – um ein Vielfaches intensiver waren, als andere Erfahrungen, die man in einem doch recht kurzem Zeitraum an anderer Stelle machen kann. An dieser Stelle noch mal vielen Dank an die Organisatoren dieser Reise, die eine für venezolanische Verhältnisse perfekte Reise auf die Beine gestellt haben.

Ankunft im Barrio Catia de los Flores

Prägen das Bild der Städte in Venezuela – die „barrios“

Mein erster Weg in wieder gewonnener Freiheit führte mich direkt an eine meine späteren Wirkungsstellen, dem nationalen Büro Huellas’ im Barrio Catia de los Flores. Huellas definiert sich dabei durch die Vermittlung christlicher Werte an Jugendliche, um sie dadurch zu aufrichtigen und anteilnehmenden Menschen im Sinne Jesu Christi zu prägen. Dadurch soll ihnen die Schaffung eines für sie und andere lebenswerten Umfeldes ermöglicht werden, indem sie solidarisch den Ärmsten helfen. Das Ziel besteht darin, den Jugendlichen eine soziale Verantwortung zu vermitteln, welche sie an einer christlichen Vision von Glaube und Gerechtigkeit teilhaben lässt, um für eine gerechtere, demokratischere und solidarischere Welt, insbesondere zu Gunsten der Armen, zu kämpfen.
Dort angekommen, konnte ich jedoch nicht wie geplant mein Zimmer im Obergeschoss des Hauses beziehen, sondern wurde im Sinne einer noch intensiveren Inkulturation vorübergehend in ein anderes Haus der Gruppe CUPAH (Comunidad de los Universitarios del Padre Alberto Hurtado), einer Teilorganisation Huellas’, in das Barrio La Vega – San Miguel gebracht. Dies kann man sich als typischen lateinamerikanischen Slum vorstellen, in welchem, je weiter man sich vom Stadtzentrum weg und damit in den Hang hineinbewegt, ein starkes Armutsgefälle vorherrscht. So findet man an die „offizielle“ Stadt angrenzend einen fast stadtähnlichen Charakter vor, in welchem den Bewohnern auch eine öffentliche Infrastruktur zur Verfügung steht. Mit zunehmender Entfernung nimmt sowohl die Qualität der Häuser als auch die öffentliche Infrastruktur ab, bis hin zu aus Lehm und Sperrmüll gezimmerte Hütten, ohne jegliche infrastrukturelle Anbindung.
Ich sollte im mittleren Teil dieses Slums für die nächste Zeit beheimatet sein, wobei das Haus von CUPAH im Vergleich zu den umstehenden Häusern/ Hütten den wohl ansehnlichsten Anblick bot. Von außen betrachtet stach sofort der Außenputz ins Auge und auch ein festes Dach über dem Kopf (kein Wellblech!) konnten wir unsere Eigen nennen. Auch im Inneren verfügte das Haus über einige Annehmlichkeiten, die bei unseren Nachbarn nicht zu finden waren. So hatten wir geflieste Fußböden, Waschmaschine und einen 2 m³ Wassertank, was sich bei den häufigen Wasserausfällen als durchaus recht sinnvolle Investition entpuppte. (Dies führte des häufigeren dazu, dass uns im Barrio eine Funk-tion als Wasserstelle zukam und die Klingel bei Wasserausfällen kaum still stand.)

WeWeX gewährte mir einen tiefen und intensiven Einblick in das Leben der Venezulaner

Wahlveranstaltung in Caracas

Auch wenn man meinen mag, dass für unbedarfte Europäer so ungewöhnliche Lebensbedingungen schockierend wirken müssten, so war das bei mir nicht der Fall. Dabei sind die allgegenwärtigen Bilder von hungernden Kindern, beim Thema Dritte Welt auf Venezuela übertragen – zumindest soweit ich das beurteilen kann – übertrieben. Hier wird deutlich, dass die Frage „Was ist Armut“ nur sehr differenziert und in Relation betrachtet werden kann.
Mich persönlich betroffen machte eher die Tatsache, dass in vielen der lateinamerikanischen Länder so wenig zur Armutsbekämpfung unternommen wird und wenn dann meist nur Auswirkungen und nicht Ursachen bekämpft werden. Venezuela kommt hier eine etwas ambivalente Stellung zu. Zwar hat man mit der Einrichtung der misiones (staatliche Förderprogramme für Bildung, Gesundheit, etc.) einen ökonomisch grundsätzlich richtigen Weg der Armutsbekämpfung – im Sinne von langfristigen Investitionen – eingeschlagen, jedoch ist die Durchführung durchaus fragwürdig. Gerade Institutionen wie die Polizei funktionieren in den marginalen Gesellschaftsschichten, dort wo sie besonders benötigt werden, überhaupt nicht. Auch Behörden und Ministerien sind ebenso wie Zoll und Militär von Korruption durchtränkt, worüber hinaus in ihnen Chaos und Inkompetenz herrschen. Eigentumstitel sind entweder nicht vorhanden, werden nicht geachtet oder sind nicht durchsetzbar. Dies stellt sicherlich unter anderen eines der Hauptprobleme in Entwicklungsländern dar, da diese zur Kapitalakkumulation unentbehrlich sind und daraus, sofern nicht vorhanden, die Unterkapitalisierung der marginalen Schichten resultiert.
Nicht nur die einschlägigen Entwicklungsökonomen weisen immer wieder darauf hin, dass die wirtschaftliche Entwicklung und damit die langfristige Armutsbekämpfung eines Landes in erster Linie auf dessen institutionelle Güte zurückzuführen ist. Diesbezüglich zeichnen gerade die jüngsten politischen Entwicklungen in Venezuela ein erschreckendes Bild.
Aus der Retrospektive muss ich eine klar positive Bilanz meines Aufenthaltes in Lateinamerika ziehen. Einblicke wie ich sie durch mein Leben und Arbeiten in bzw. mit den marginalen Bevölkerungs-schichten erhielt, hätte man – wenn die realistischen Alternativen betrachtet werden – weder auf einer Urlaubsreise noch durch die Arbeit in einer multinationalen Firma in Lateinamerika sammeln können. Insofern gilt an dieser Stelle nochmals mein ausdrücklicher Dank an die Organisatoren des WeWeX Programms und damit auch in erster Linie an Peter, der eine relativ kurzfristige und unbürokratische Vermittlung ermöglichte und mir damit einen sehr tiefen und intensiven Einblick in das Leben von Millionen von Lateinamerikanern gewährte.

 

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