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Sie stehlen uns den Regenwald“
Von Silvia Richtarz, Tabatinga, Brasilien
„Holá, holá!“ rufen Vanessa und Estibel früh am Morgen vom Nachbarhaus herüber und begrüßen mich mit einem strahlenden Lächeln. Heute ist es genau ein Jahr her, seit ich im Dreiländereck Brasilien-Kolumbien-Peru meinen Einsatz als Jesuit Mission Volunteer (JMV) begonnen habe.
Wohnen im Niemandsland
„La Unión“ (=Die Einheit) heißt das Viertel, in dem wir wohnen. Es wird hauptsächlich von verarmten Familien aus Peru und Kolumbien bewohnt und besteht aus einfachen Holzpfahlbauten, weil während der Regenzeit das ganze Gebiet überschwemmt wird.
„La Unión“ liegt im Niemandsland zwischen Tabatinga (Brasilien) und Leticia (Kolumbien). Das Team der Equipe Itinerante, in dem ich mitarbeite, hat sich dieses Armenviertel zum Wohnen ausgesucht, um solidarisch mitten unter den Randgruppen zu leben. Es ist ein bewusstes Zeichen, das unser Team damit setzen möchte: Das Teilen der Alltagssorgen schafft Verbindung. Unser Team besteht derzeit aus neun Personen: Laien – Frauen und Männer –, Ordensleute und Priester aus den verschiedensten Ländern. Zusammen arbeiten, wohnen, beten und feiern wir. In unserer Arbeit haben wir mit drei verschiedenen Gruppen zu tun, die hier im Amazonasgebiet leben: Indígenas, Ribeirinhos (=Flussbewohner) und die städtischen Randgruppen: verarmte Familien, Häftlinge, Drogensüchtige.
Besuch in den Dschungeldörfern

- Silvia in der traditionellen Kleidung der Bora
Wir fahren regelmäßig mit dem Schiff oder kleinen Motorbooten hinaus zu den weit verstreuten Dörfern und besuchen die Menschen, die vom Dschungel und vom Rio Amazonas leben. Einerseits sammeln wir in den Gesprächen mit den Leuten vor Ort Informationen über ihre Lebenssituation, ihre Probleme, Bedürfnisse und Wünsche, die wir an die jeweilige Diözese oder Organisation weitergeben, die uns entsendet hat. Bei Bedarf helfen wir auch mit der Entwicklung von Plänen, um die Gemeinden auf ihrem Weg zu unterstützen. Andererseits zeigen wir den Menschen in den entlegenen Dörfern, dass sie nicht vergessen sind und ermutigen sie auf ihrem Weg als (christliche) Gemeinschaft. Das beinhaltet eine Bestärkung in religiöser und sozialer Hinsicht: Anregung zur Organisation in Gruppen, um gemeinsam ihre Lebenssituation zu verbessern (z.B. Verbesserung der Infrastruktur in den Dörfern, gemeinsamer Anbau von Produkten zum Verkauf, Bau einer Kapelle zur Feier von Gottesdiensten usw.), auch Wertschätzung ihrer eigenen Kultur und Sprache, wenn es sich um indigene Gemeinschaften handelt. Wir können ihre Probleme nicht lösen, aber sie darin bestärken, diese selbst in die Hand zu nehmen.
Die Indigenas ergreifen die Flucht
Sehr eindrücklich war für mich die Begegnung mit den Menschen in Santa Marta, die ich bei meiner ersten Besuchstour in Peru kennen gelernt habe. Santa Marta ist eine kleine Gemeinde mit elf Familien mitten im Dschungel. Die Infrastruktur ist verhee-rend: kein Strom, kein Trinkwasser, kein gepflasterter Weg. Um von einem Haus zum nächsten zu gelangen, muss man knöcheltief im Schlamm waten und sich durch die Bananenstauden schlängeln.
Beim Besuch der Familien hatten wir ein eigenartiges Erlebnis mit den im Dorf le-benden Indígenas: Als sie uns gesehen hatten, ergriffen sie die Flucht und versteckten sich im Wald. Sie hatten Angst vor den Gringos, den Weißen. Man spürt, dass sie schon einige negative Erfahrungen mit Weißen gemacht haben.
Bei den Besuchen in den wackeligen Holzbuden ist es uns aber langsam gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Am nächsten Tag bei der Gemeindeversammlung in der ma-loka (offenes Gemeindezentrum mit Palmdach) sind dann tatsächlich alle Bewohner und Bewohnerinnen erschienen und haben interessiert mitgemacht. Sie baten uns um Verzeihung, dass sie uns am Vortag aus Misstrauen nicht entsprechend empfangen haben.
Suni, eine junge Frau, die nur ein Bein hat und ihre fünf Kinder allein versorgt, war ebenfalls dabei. Es war rührend zu sehen, wie sie auf Krücken die steile Leiter ihrer Pfahlhütte herunterkletterte, um bei unserer Versammlung und dem anschließenden Gottesdienst dabei zu sein. Auch Señor Raphael war sehr dankbar für unseren Be-such. Er hat ihm Mut gemacht, seine Arbeit als Animator der katholischen Gemeinde wieder aufzunehmen.
Die Abholzung zerstört ihr Leben
Bei unseren Besuchen habe ich die Gelegenheit, das unendlich große, vielfältige, aber auch äußerst sensible und bedrohte Amazonasgebiet kennen zu lernen. Neben der Basisarbeit in den Gemeinden spezialisiert sich unser Team immer mehr auf das Thema Umwelt. Denn die Lebensgrundlage der Mehrheit der Bevölkerung wird durch die exzessive Abholzung, Brandrodung und Goldgewinnung ausländischer Firmen massiv bedroht. Die Firmen sind mafiamäßig organisiert, in den internationalen Drogenhandel verwickelt und kennen kein Erbarmen. Sie überreden die Gemeinden mit billigen Tricks, ihr Land für die Abholzung freizugeben, versprechen ihnen große Profite, beuten sie aber in Wirklichkeit aus. Sie verseuchen den Fluss und machen die Gemeinden dadurch abhängig, von ihnen das Trinkwasser zu kaufen. Sobald nichts mehr herauszuholen ist, machen sie sich auf den Weg zur nächsten Gemeinde und hinterlassen ein Bild der Verwüstung.
Es ist Zeit, dass wir aufwachen
Allen ist bewusst, dass es so nicht weitergehen kann, weil die Lebensgrundlage für ihre Kinder sonst nicht mehr gewährleistet ist. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wurden in den letzten Jahrzehnte schon ausgerottet. Auch das Tropenholz geht einmal zu Ende. Und dann? Wovon werden die Menschen hier leben, wenn aus dem Amazonas Wüste geworden ist? Dabei ist es gar nicht nötig, alle Bäume zu fällen, um das ganze System zum Kippen zu bringen. Damit der Wasserhaushalt der gesamten Region kollabiert, reicht bereits eine Zerstörung von 40-60% der Waldoberfläche. 36% sind bereits abgeholzt. Es ist Zeit, dass wir aufwachen, sowohl die Menschen hier als auch wir im reichen Norden unserer Welt. Nötig wäre ein massiver internationaler Druck gegen die paar Superreichen im Ausland, die wegen kurzfristiger Gewinnmaximierung den Amazonas zerstören, und zugleich die Aufklärung und Bestärkung der Menschen in den Gemeinden vor Ort. Hier setzt unser Team an. Im Sommer 2006 beteiligen wir uns an der Organisation eines binationalen Seminars. Zusammen mit engagierten Gruppierungen aus Brasilien und Peru sowie Vertretern und Vertreterinnen betroffener Gemeinden (Ribeirinhos und Indigenas) wollen wir mit einem Schiff den Rio Amazonas entlang fahren, die Lage von dort aus beobachten. Dann in verschiedenen Gemeinden am Weg anhalten und mit den Leuten vor Ort über Alternativen für ihren Lebensunterhalt diskutieren, damit sie sich nicht länger auf das zerstörerische Spiel der Holzfirmen einlassen (müssen).
Ricardo kommt von der Droge nicht los
Erschütternd ist, was die Drogen hier anrichten. Ein Beispiel: Ricardo, 25 Jahre alt, wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen, wo er eine Strafe wegen Drogenbesitzes abgesessen hat. Er ist rückfällig geworden und steht nun weinend vor unserer Tür. Er wollte ein neues Leben anfangen, seiner Schwester helfen, die vor zwei Monaten Zwillinge geboren hat und vom Vater der Kinder keine Unterstützung bekommt. Er wollte seine kranke Mutter begleiten. Aber jetzt sind alle seine Träume zerplatzt und er schämt sich, nach Hause zu gehen. Was er bräuchte, ist eine Therapie in einer an-deren Stadt. Im gleichen Ambiente ist es verdammt schwer, aus der Szene auszustei-gen, vor allem wenn man 15 Jahre auf der Straße verbracht hat! Aber seiner Familie fehlt das nötige Geld und von staatlicher Seite gibt es auch keine Hilfe. Ich habe mich mit Ricardo nach Leticia auf den Weg gemacht, um seine Familie zu besuchen und gemeinsam mir ihr eine Lösung zu finden. Drogenschicksale wie dieses, die die ganze Familie zerreißen, gibt es viele.
Arbeit mit indigenen Gruppen

- Das Team der Equipe Itinerante
Anfang Dezember hatten wir eine zehntägige Teamsitzung, bei der wir unsere Arbeit im letzten Jahr evaluiert und die Besuchsfahrten für 2006 geplant haben. Dabei wurde beschlossen, dass ich nun in der Subequipe „Indigena“ mitarbeiten soll. Das heißt, ich werde mich 2006 zusammen mit Fernando, Rai und Nilvo aus unserem Team schwerpunktmäßig mit dem Leben der indigenen Gruppen in unserer Grenzregion beschäftigen. Nach den Practica bei den Ribeirinhos (Flussbewohnern) und städtischen Randgruppen habe ich nun ein „Zuhause“ in der Gruppe der Indigenas gefunden. Für mich ist das eine neue Herausforderung und ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Begegnung mit Menschen unterschiedlicher Kulturen.
Insgesamt ist es eine sehr aufregende, schöne, zum Teil auch anstrengende, vor allem aber lehrreiche Zeit für mich hier am Amazonas. Ich bin froh und dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, eine völlig andere Kultur mit all ihren schönen und schwierigen Seiten kennenzulernen. Das hat mir auch die Entscheidung erleichtert, meinen JMV-Einsatz um ein weiteres Jahr zu verlängern.








