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Fußspuren (Huellas) in den Anden
von Nadine Schmitt
Erneut viele Grüsse aus dem Land mit einer kumulierten 15%-igen Inflation allein in der ersten Jahreshälfte und einer Stadt, in der Studenten, die gegen Gewalt und Unsicherheit protestieren, eine Straßenschlacht mit der Polizei anzetteln! Der April und Mai waren erwartungsgemäß ruhig. Besuche an Schulen, Regionale treffen der beiden jüngsten Gruppierungen von Huellas und viel Planung und Organisation des Monats Juni. Denn der Juni hatte es in sich wie es so schön heißt. Ich habe mir den Spaß gemacht und mal die verbrachten Stunden in Bussen addiert: 57,5 h also fast 2,5 Tage. Die erste Juniwoche war ich zusammen mit Elena in Caracas auf der Jornada de Pastoralistas. Das ist ein Zusammentreffen von Pastoralverantwortlichen der Schulen von Fe y Alegria aus ganz Venezuela. Samstagnachmittag kamen wir dann aus Caracas zurück, Montagmorgen ging es nach San Cristobal, bis zum Dienstag 17.6. Nach unserer Ankunft in San Cristobal (kurz SC) haben wir an Schulen, die nicht zu Fe y Alegria (kurz FyA) gehört, das Prinzip von Huellas den Schülern vorgestellt. An der Schule sind zwei ehemalige Lehrer, die vorher an einer Schule von FyA beschäftigt waren und diese möchten nun Huellas an dieser Schule einführen.
Am Tag darauf begann unser erstes Precampamento der Region Alto-Apure. Dieses Vor-Camp sind nicht mehr als 2 Tage, an denen zum einen geschaut wird, wer dazu in der Lage ist, an einem großen Camp teilzunehmen. Zum anderen werden Themenblöcke bearbeitet bzw. kurz angeschnitten, die dann im nationalen Camp bearbeitet werden und Fragen beantwortet. Diese Vor-Camps werden in unserem Andengebiet in drei Regionen veranstaltet: Alto-Apure, Panamericana und Mérida. Das große Camp findet vom 1.-6. August in Caracas statt. Daran nehmen Huellistas aus ganz Venezuela teil. Die Koordination des Camps hat am Freitag per Email bekannt gegeben, dass nun keine Anmeldungen mehr angenommen werden, da die Höchstzahl von 450 Teilnehmern erreicht ist. Dieses erste Precampamento fand also in der Region Alto-Apure mit den Schulen FyA El Nula und FyA Ciudad Sucre statt. Mein Verhältnis zu den Kids war wie immer: erst gehen sie auf Abstand, dann nähern sie sich an, und zu letzt hab ich kaum Zeit um mir die Nase zu putzen. Aber das will ich ja so, also passt das schon. Nach einer relativ ruhigen Nacht sind wir am nächsten Tag zusammen in dem Schulbus von und nach Ciudad Sucre gefahren. Ciudad heißt übersetzt Stadt. Dass dies absolut überzogen ist, merkt man schnell wenn man das 250 Seelendorf innerhalb von 15 Minuten zwei Mal zu Fuß durchquert hat. Dieses Dorf liegt 6 km von der Kolumbianischen Grenze entfernt und wurde vor 10 Jahren im Zuge eines Straßenbauprojektes aus der Taufe gehoben. Auch wenn es in dem Ort selbst keine Gewalt gibt, wachsen die Kinder mit dem Wissen um die Leichtigkeit des Problemlösens mit der Waffe auf (ob dies nun jenseits oder diesseits der Grenze). Die Kolumbianische Guerilla fährt glücklicherweise durch den Ort ohne stehen zu bleiben, bekannte Dealer, Hehler und Mörder leben außerhalb auf Fincas. Nachdem ich bei einer befreundeten Familie die deutsche Niederlage gegen Kroatien ansehen durfte, verließen wir den Ort auch wieder, um nach El Nula zu fahren. Dies ist der Ort gleich neben Ciudad Sucre, liegt aber 1,5 h mit dem Bus dazwischen.
„5 Tote pro Woche nichts Ungewöhnliches“
Dieser Ort der mit all seinen Fincas ca. 15.000 Einwohner zählt, so genau weiß man es nicht, hat da schon eine andere Realität. Hier wachsen Schüler mit Mord auf, denn Probleme löst man so einfach schneller und effektiver. Derzeit ist es ruhig, es gab bisher in diesem Jahr weniger als 10 Tote. In der Hochsaison sind 5 Tote pro Woche nichts Ungewöhnliches. Das einzig Gute daran ist, dass niemand wahllos umgebracht wird, will sagen, dass es nur gezielte Morde gibt. Mit der Entsorgung der Leichen nimmt man es nicht genau. So mussten allein im letzten Schuljahr die Schüler von FyA dreimal an erschossenen Menschen vorbei zur Schule, da diese Körper vor das Schultor geworfen wurden. Wenn ich mir so etwas vorstelle, bekomme ich schon Alpträume. Für Kinder im Alter von 12 Jahren (die Jüngsten) ist dieser Anblick so normal, wie für unsere Kinder eine zertretene Schnecke. Ein weiteres Problem ist, dass die Mörder, wenn sie nicht von anderen umgebracht werden, nie gefasst werden, da jeder zuviel Angst hat den Mund aufzumachen, man könnte zum nächsten Opfer werden. Zu alledem kommt noch eine hohe Rate von Jugendschwangerschaften. Samstags hatten wir dann ein kleines Precamp mit Jugendlichen, die in einer Gemeinde engagiert sind. Diese befindet sich in San Josecito. Ein Ort, der sehr nah an SC liegt, und ganz nebenbei der gefährlichste im Staate Tachira ist. Warum? Nun, von den ca. 25 Morden, die im Monat im Staat Tachira begangen werden, findet die Hälfte in San Josecito statt. Ob es sich mit diesen verhält wie mit denen in El Nula, ist mir nicht bekannt. Montagmorgen hatten wir eine weitere Präsentation von Huellas in einer reinen Mädchenschule. Danach sind wir zu einer weiteren Schule von FyA nach Naranjales gefahren. Letztes Jahr wurde vor dem Schultor nach dem Ende des Nachmittagsunterrichts eine Lehrerin erschossen. Wie sich dann herausgestellt hatte, wurde sie mit jemandem verwechselt. Nach den Sitzungen in Naranjales sind wir ein letztes Mal nach El Nula zurück, um uns dort mit den Jugendlichen der Gemeinde zu treffen. Diese gehen nicht auf die Schule von FyA, Huellas funktioniert trotzdem. Auf die Frage, warum sie denn zu den Gruppenstunden gehen, war einstimmig zu vernehmen, dass diese Gruppenstunden als Ort oder Zeit des Krafttankens verstanden werden und auch als zweites Zuhause. Das war für mich ein surrealer Moment, denn während die Jugendlichen erzählten fiel der Strom aus. Wir saßen im Stuhlkreis mit Kerzen in der Mitte, draußen knatterten die Mofas vorbei, auf einmal näherte sich ein Uniformierter mit seiner Taschenlampe und seinem Gewehr (nur um nach einer anderen Sitzung zu fragen, die zeitgleich stattfand) und während sich mein Magen noch vom Anblick des Gewehrs erholte, fraßen mich die Mücken auf.








