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"Indien hat mich Dankbarkeit gelehrt"

von Mira Bierbaum

Es ist kein Geheimnis: ich bin nie gerne zur Schule gegangen. Das Abi kam einer Erlösung gleich. Und dann zur sozialen Arbeit nach Indien, an einer Schule? Für einige doch ziemlich überraschend, insbesondere, da ich mich im Allgemeinen nicht als Kinderfreundin bezeichnen würde. Was ich nun revidieren muss. Wenn man in einen Raum kommt, dort von strahlenden, lachenden Kindern empfangen wird, die Auntie und Miss rufen, sich an einen klammern, stolz englische Brocken aufsagen, wer so viel Freundlichkeit, Offenheit und Zuneigung erfahren darf, der kann sich nur glücklich schätzen.

Doch genau diese beneidenswerten Eigenschaften sind gerade in Indien von Nöten, um andere Dinge überhaupt ertragen zu können: Armut, Korruption, ein morbides oder nicht vorhandenes Gesundheitssystem, gesellschaftliche Zwänge und das Kastensystem, mangelnde Bildung, Menschen, die sich ihrer politischen Stärke nicht bewußt sind. Das alles belastet, insbesondere, wenn man sich diese Situation in Deutschland vorstellen würde.

Illusionen darf man sich keine machen, und wenn man dort helfen möchte: in drei Monaten kann man in Indien nichts ändern. So konnte für mich das Ziel eines Tages nur eines sein: mindestens ein Kind zum Lachen zu  bringen, es etwas Wärme spüren lassen, ihm das Gefühl geben, ein wertvolles Geschöpf zu sein, das stolz auf sich sein kann. Und je länger ich in dieser Mission bleiben durfte, desto genauer sah ich, was der einzige Weg zur Veränderung sein kann: Bildung. Wer nicht weiß, wie viel er mit seiner Stimme bei einer Wahl ausrichten kann, der verkauft sie einfach. Wer nicht weiß, dass öffentliche Krankenhäuser kostenlos sind, der zahlt. Wer sich nicht klar ist, dass das Kastensystem in Indien offiziell abgeschafft ist, der wird sich weiter diskriminieren lassen.

Pater Eric, der Leiter der Pannur-Mission, arbeitet nach dem Motto: „Wir geben nicht den Fisch, sondern das Netz.“ Wo kann man also besser anfangen, als eine Schule zu gründen? Damit Dalitkinder wie andere Schulkinder auch an Tischen sitzen, ihre Hefte auf der Schulbank vor sich ablegen können anstatt auf kalten Steinböden hingekauert auf Papier kritzeln zu müssen. Damit noch mehr die Chance bekommen, ihr Leben als Hirtenkinder aufzugeben und ein Leben zu führen, wie es einem Kind gebührt: mit Spielen und Lernen, in Kameradschaft mit ihren Mitschülern.

Mir ist klar, dass man all meine Gefühle durch diesen kurzen Ausschnitt nicht nachempfinden kann. Doch für mich persönlich weiß ich ganz genau, was mir dieser Aufenthalt in Indien bedeutet und was er mich gelehrt hat, mag es noch so kitschig oder lehrerhaft klingen: Dankbarkeit und Demut.

 

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