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Eine Reise in eine andere Welt
Ich habe mir schon öfters die Frage gestellt, ob es eine besonders mutige Entscheidung ist nach Indien zu reisen um dort ein paar Monate zu verbringen. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es das nicht ist. Natürlich man muss sich ein Herz fassen und sich den Ruck geben, jetzt tue ich es, aber im Grunde kann dies jeder. Was ist der Hintergedanke von den Menschen die hier her kommen? Das erste was die meisten, eingeschlossen ich selbst, gesagt hätten ist, um eine Erfahrung fürs Leben zu machen, um dazuzulernen, sich weiterzuentwickeln, die Welt von einer anderen Seite zu sehen als wir in Europa. Und dann ist mir klar geworden wie unglaublich egoistisch das ist, in ein fremdes Land zu kommen und von den Menschen dort zu erwarten, an ihrem Leben Teil haben zu dürfen, integriert zu werden, von ihnen zu lernen, und nur um den Zweck seiner selbst willen? Wer bin ich denn dass ich in ein fremdes Land komme nur um mein eigenes Leben zu bereichern? Ich habe selbst vorerst gar nicht gemerkt wie unglaublich falsch meine Einstellung war. Aber das kann man erst lernen wenn man hier ist. Wenn man nur hier her kommt, um eine Erfahrung für sich selbst zu machen, um sein eigenes Leben reicher zu machen, dann entgehen einem viele Dinge hier. Aber man lernt hier so viel von den Menschen, selbst von den Kindern, diese Menschen überhäufen dich mit Liebe, Warm- und Offenherzigkeit. Vor allem die Kinder.
Diese Kinder können dein Herz bewegen, wenn du es zulässt.
Gleich am Anfang kommen sie auf dich zugelaufen, umarmen dich, finden irgendwas an dir was sie fasziniert, rufen ”aunty, aunty”, aber das ist erst der Anfang. Man kann es dabei belassen, aber wenn man anfängt mit ihnen Zeit zu verbringen, mit ihnen zu lachen, zu spielen, zu lernen, lernt man sie kennen, erlangt ihr Vertrauen, lernt die Stärken von den einzelnen Kindern schätzen, und die Schwächen versucht man mit ihnen zu bearbeiten. Man versucht sie zu verstehen, in ihr Leben einzutauchen ihre Freude und ihre Traurigkeit zu teilen. Es wird dann intensiv wenn man für diese Kinder hier lebt, wenn man bereit ist alles für sie zu tun, sich selbst und seine “Erfahrungsbereicherung” in den Hintergrund stellt und die Kinder als das was sie sind in den Vordergrund stellt.
Ich habe gelernt das erste mal etwas zu tun, viel mehr zu tun als bisher, und nichts zu erwarten. Man gibt den Kindern keine Liebe und Aufmerksamkeit um das selbe zurück zu bekommen. Man arbeitet und gibt und schenkt ohne Zweck für sich selbst. Und dabei wird man, ohne dass man es will, viel reicher beschenkt als man es selbst je schenken könnte. Diese Kinder, diese Menschen haben so ein Liebespotential, das ist erstaunlich. Es ist erstaunlich was für enge Bindungen sich mit so wenigen Worten aufbauen lassen. Ich habe die Kinder schon so sehr ins Herz geschlossen, mit Kindern lässt sich auf so eine einfache Art kommunizieren, ich hatte am Anfang ein wenig Angst als ich hier her kam, wie ich denn mit den Kindern sprechen sollte. Dabei habe ich jetzt gemerkt dass Worte es oft nur komplizierter machen als einfacher. Die Kinder hier haben eine unglaubliche Energie, im Positiven wie auch im Negativen. Sie können dich so glücklich machen, dass du jeden in die Arme schließen und herumwirbeln willst, dass du meinst alles schaffen zu können und genauso können sie dich zum Weinen und zum Ende deiner Nerven treiben. Mit den Kindern wird man ungeheuer bereichert aber man muss auch sehr viel Geduld haben. Man muss viel schlucken von seinen eigenen Gefühlen, man fühlt sich verantwortlich für sie und es ist oft wirklich einfach keine Zeit selbst emotional in einem Tief zu sein, man muss eben weiter machen.
Man lernt hier immer weiter zu machen
Man hat so viele Menschen um einen herum, die so hart arbeiten, sich durch nichts entmutigen lassen, die sich selbst so in den Hintergrund stellen. Man selbst kommt sich da oft klein und schwach vor, das spornt einen aber nur noch mehr an weiter zu machen. Man lernt hier sehr sich selbst kennen. Seine Grenzen, aber vor allem auch sein Potential und seine eigene Belastbarkeit, die oft größer ist als man selbst denkt. In Europa sind wir an vielen Stellen “overprotective”. Das fängt mit den Kindern an. Ein 5-jähriges Kind passt hier schon auf sein kleines Geschwisterchen auf und übernimmt die Verantwortung, die Mutter arbeitet meistens. Die Kinder hier müssen viel mehr Verantwortung tragen als unsere Kinder in Europa, sie sind viel erwachsener, aber auch viel mehr Kinder. Sie haben diese natürliche Kindlichkeit, das spielen, das frei sein, die Leichtigkeit, dieses innere Ungebunden sein. Die Menschen hier scheinen überhaupt innerlich irgendwie freier und ungebundener zu sein als im Westen. Man ist mit seiner Persönlichkeit nicht so verkorkst, man ist so wie man ist, vor allem die einfachen Leute. Sie sind offen, direkt, ungezwungen, man ist nicht ein Produkt aus dem was andere Menschen von einem erwarten und wie man sich selbst gerne hätte, wie so oft in Europa (sehr verallgemeinert). Eigentlich widerspricht sich das wiederum mit dem Faktum dass Indien ein Land ist, das so unglaublich tief durch seine Kultur geprägt ist, die die Menschen ziemlich in ein Raster hineinzwängt. Das fängt zu aller erst mit den Kasten an, die “Untouchables” kriegen keine ordentliche Ausbildung, geschweige denn einen Job, werden von den meisten Menschen verachtet, dürfen nicht direkt an der Straße leben, werden strikt als etwas Minderwertigeres betrachtet. Die Menschen werden äußerlich strikt in Wertigkeitsklassen geteilt, etwas was man als Nicht-Inder niemals verstehen wird, sind aber trotz all den Regeln nach innen irgendwie in einer anderen Weise frei als wir. Vor allem, was für mich so unglaublich unverständlich ist, ist, dass die “Unberührbaren” sich auch als solche sehen, sie versuchen ihr Los gar nicht zu ändern und höher hinauf zu kommen weil sie meinen das sei ihr Schicksal dem sie sich beugen müssen. Ein Dalit (Untouchable) wird niemals leugnen, dass er ein Dalit ist. Und wird sich als etwas Schlechteres sehen als ein Brahmane, mit dem er nicht einmal wert wäre zusammen zu essen. Ob es richtig ist oder nicht, man muss hier die Dinge akzeptieren wie sie sind. Wenn wir als Richter hier her kommen und anfangen zu kritisieren, wird uns das Land mit all den Menschen ein reines Rätsel bleiben und man wird niemals davon lernen können. Vor allen wer sagt denn, dass die europäische Anschauungsweise die Richtige ist? Erst mal muss man versuchen zu verstehen, dann kann man sich seine eigene Meinung darüber bilden.
Land der Extreme
Was mir auch noch aufgefallen ist, ist, dass Indien ein Land der Extreme ist, extrem im Essen (besonders scharf oder süß), extrem im Wetter (unglaublich heiß und trocken oder Tonnen von Regen), extrem mit der Verteilung der materiellen Besitztümer (extrem arm oder extrem reich), es wird extrem viel und hart gearbeitet, die Menschen stehen extrem früh auf, sie schreien besonders laut, der Verkehr ist extrem verrückt, die Kleidung ist extreme kitschig oder sehr schlicht, die Menschen fließen über vor Freude und Glück, oder sind in Tränen,… Das steckt an, man hat hier extreme Hochs wo man glaubt alles zu schaffen und alle Energie der Welt zu haben und extreme Tiefs, in denen man aufgeben, alles hinschmeißen will und meint innerlich nicht weiter zu können. Man lernt von den Menschen, man lernt von dem Land mit all seinen Gewohn- und Eigenheiten.
Einmal hier zu sein verändert dich innerlich und prägt dich fürs Leben
Aber auch wenn ich noch länger schreiben würde, es wäre nur ein Abklatsch von dem, was man hier erlebt. Wenn man hier her kommt sollte man nichts erwarten, Indien zeigt sich immer von verschiedenen Seiten, jeder macht andere Erfahrungen, man sollte nehmen was kommt, sollte offen für alles sein und das nehmen was Indien für einen her gibt. Egal wo man hin kommt, man findet nicht den Platz oder die Situation die man sucht, die man sich wünscht, sondern der Platz mit seinen Umständen findet einen. Man kann Indien nicht in einer bestimmten Situation erleben wollen, man kommt und schaut was sich einem bietet. Als Ausländer haben wir keine Forderungen zu stellen, sondern müssen für alles dankbar sein was uns das Land und die Menschen bereit sind zu schenken. Und das ist mehr als man wahrscheinlich vorerst realisiert.
Ich bin unglaublich dankbar für die Chance, etwas so Anderes in der Intensität kennen und lieben lernen zu dürfen.
Ich danke dem Eric und dem Kiran sehr, die uns so toll in dieses ganze Projekt integrieren und mitsprechen lassen und die all die Schwierigkeiten hier auf sich nehmen um diesen Dalit Kindern hier die Chance auf eine Ausbildung, eine Alternative zu dem üblichen “Kühe hüten” geben. Und ich danke dem Pater Balleis dass er mir diesen Aufenthalt überhaupt von Anfang an ermöglicht hat. Ich hoffe so sehr, dass dieses Projekt lange weiter existiert und sich so schnell weiter entwickelt wie bisher. Ich wünsche dem Eric viel Kraft und Ausdauer und viel Unterstützung von außerhalb. Doch es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass ich diesen Ort, Manvi und Pannur mit all den Menschen die mir ans Herz gewachsen sind, besuche. Einmal hier zu sein verändert dich innerlich und prägt dich fürs Leben. Doch Gott sei Dank ist für mich ja noch nicht die Zeit gekommen wegzufahren, erst am 24. Mai 2007.









