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Wut auf Aids in einem langsamen Land
von Magdalena Dumbeck
Die letzten 5 Monate sind wie im Flug vergangen, und ich wundere mich, wie das in diesem Land, in dem das Leben doch sonst soooooo langsam vor sich geht möglich ist. Aber das mit der Zeit ist ja bekanntermaßen eine eigene Geschichte.
Delphina aus dem Waisenhaus
Erstmal eine traurige Nachricht, die alles andere hinten anstellt: Am Freitag vor zwei Wochen ist eines meiner Kinder gestorben. Adolphina. Delphina genannt, 6 Jahre alt. Ich glaube, ich habe selten so viel geweint, wie in den beiden Tagen nach ihrem Tod. Sie war HIV positiv, dazu mal wieder eine Malaria und AIDS ist relativ plötzlich ausgebrochen. Es ging alles ganz schnell. Anfang dieses Jahres ist sie in die Schule gekommen. Ihre Mutter ist Ende letzten Jahres gestorben, ihr Vater wohl lange davor (beide an den Folgen von AIDS). Sie hat mir immer viel von ihrer Mutter und vor allem deren Beerdigung erzählt. Und von den Reisfeldern zu Hause. Überhaupt hat sie viele Geschichten zu erzählen gewusst. Für ihr Alter war sie extrem klein, dazu ein großer dicker Kugelbauch mit dem größten und süßesten Bauchnabel der Welt. Ein sehr pfiffiges, intelligentes kleines Mädchen.
Meine Traurigkeit über ihren Tod war auch eng mit einer große Wut verbunden; die Wut auf AIDS und auf dieses Land, was so langsam in der Arbeit dagegen ist und die Wut auf die Leute, die sich so schwer mit dem Thema tun. Es mag noch ein langer und ohne Frage komplizierter Weg sein, bis die Menschen hier lernen, sich nicht durch Geschlechtsverkehr mit HIV zu infizieren. Das ist ohne Frage eine Problematik, die kulturell und natürlich in Verbindung mit Armut, fehlender Bildung sehr vielfältig und kompliziert ist. Aber schwangeren Müttern bzw. werdenden Eltern zu helfen, dass sie sich testen lassen, um dann eine HIV Infektion auf das Kind zu vermeiden, ist vergleichsweise einfach. Aber trotzdem hat sich statistisch gesehen keine der Mütter unsere Kinder testen bzw. behandeln lassen. Ca. 30 % der Kleinen sind HIV positiv. Nur 1 – 2 Prozent beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion von der Mutter zum Kind, wenn eine Behandlung stattfindet, die unkompliziert und kostenlos ist. Aber all das, wie HIV/AIDS, Prävention, die Unwissenheit der Leute in Tansania allgemein, und speziell der Schwestern hier bei uns im Waisenhaus, stellt wieder ein anderes Thema da.
Noch nie einen Europäer gesehen
Vor einiger Zeit hat mich ein Priester einer Gemeinde dazu eingeladen, all die entlegenen Außenstationen zu besuchen. So sind wir von einem Dorf zum nächsten gebrettert (hinten auf dem Pickup spürt man die Schlaglöcher noch deutlicher). Zwischen den Dörfern sind wir ewig lang keinem einzigen Menschen begegnet und plötzlich tauchte irgendwann wieder einer auf, aber es sind immer noch viele Kilometer bis zum nächsten Dorf. Erstaunlich wie weit diese Wege sind, die die Menschen auf dem Land hier jeden Tag bewältigen. Der Gedanke, dass “die das ja gewöhnt sind”, reduziert das Erstaunen nur wenig, wenn man sieht, dass eine 80- Jährige Frau am Gehstock jeweils 30 km hin und zurück zum Markt läuft, nur um paar kleine Dinge zu verkaufen um zu überleben. Viele Leute in diesen entlegenen Dörfern haben in ihrem Leben noch nie einen Europäer gesehen. So sind die Kinder gerannt, als sie unser Auto mit mir gesehen haben: 50 % der Kinder, die Mutigen, sind zur Kirche hingerannt, weil sie wussten, dass wir da ankommen werden. Die anderen 50 % sind weggerannt, weil sie so viel Angst vor mir hatten…
Feiern, Löwen und Malaria
Weihnachten, Silvester, Ostern wird im Prinzip alles ähnlich gefeiert. Da das große Feste sind, sind sie mit viel Vorbereitung und Aufregung verbunden. Aber das schöne daran ist, vor allem Weihnachten betreffend, dass der gesamte “Konsumwahnsinn” wegfällt. Aber dafür gibt es dann laaaaaaaaaaaaaaaange Gottesdienste. Feiern heißt hier eigentlich immer: Essen, Trinken, laute Musik und Tanzen.
Die Regenzeit ist seit März vorbei, das schöne Grün hat sich schon wieder in das für Dodoma typische Graubraun verwandelt. Es ist richtig kühl geworden, vor allem in der Nacht. Mittags prallt die Sonne “nur noch” mit ca. 28/ 29 Grad auf meinen Kopf, was ich aber eigentlich auch ganz in Ordnung finde. Auch sonst geht es mir weiterhin sehr gut und ich bin rundum glücklich. Bis jetzt bin ich noch von keiner Schlange gebissen worden, einem Löwen auf meinem täglichen Weg zum Waisenhaus durch den Busch bin ich auch noch nicht begegnet und die realistisch häufiger vorkommenden kleinen Malariamücken haben mich bis jetzt auch verschont.
So grüsse ich Euch alle ganz herzlich und hoffe, dass Ihr einen schönen Sommer habt. Ich denk an Euch!
Eure Magdalena
P.S: Nachtrag: Diese Mail hier habe ich vor zwei Tagen fertig geschrieben. So habe ich gerade noch damit angegeben, mir in all der Zeit noch keine Malaria eingefangen zu haben und prompt ist sie da. Aber mir geht’s trotzdem –den Umständen entsprechend - ganz gut. Heiße – Fieber – Grüße an Euch.








