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Brasilien – Mein Einstieg in ein „neues Leben“

Judy mit Hugo(6) und Kauê(2)

von Judith Arnold

Ich heiße Judith, bin 20 Jahre alt und befinde mich soeben in der drittgrößten Metropole der Welt – São Paulo. Es war schon seit Jahren mein Wunsch, nach dem Abi in für mich unbekannte Gefilde zu reisen und da ich durch viele glückliche Umstände Peter Balleis getroffen habe, der zu verschiedenen sozialen Organisationen der Jesuiten weltweit Kontakt hat, und da ich ausserdem ein bisschen verrückt bin, so bin ich schliesslich in São Paulo gelandet.

São Paulo ist einer der 26 Staaten Brasiliens. In der gleichnamigen Hauptstadt des Staates wohnen über elf Millionen Menschen, davon ein Grossteil unter der Armutsgrenze. Peter Balleis hat mich an Padre Carlos Fritzen vermittelt, den Leiter verschiedener sozialer Projekte in São Paulo. Dazu gehört auch das Centro Pastoral Santa Fé, welches ca. eine halbe Stunde Fußmarsch von meiner Unterkunft entfernt liegt. Das Centro Pastoral Santa Fé wurde vor über 40 Jahren von Jesuiten gegründet. Heute befindet es sich unter der Leitung von Jesuitenpatern und -brüdern und zwei Schwestern des Santo André.

Provisorisches Kinderbett während des Alphabetisierungsprogramms (deshalb der

Es ist eine soziale Einrichtung, die sich hauptsächlich auf die Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert hat. Jeden Nachmittag wird eine Gruppe Jugendlicher, großteils aus den Favelas der Umgebung, abgeholt. Das Programm besteht aus Sport, Tanz, Kunst (Mosaik, Töpfern, Malen, Basteln), Capoeira, Musik und vielem mehr, mit dem Ziel, den Jugendlichen eine Abwechslung vom Alltag zu bieten und ihnen Werte wie Solidarität, Respekt, Gerechtigkeit und Vertrauen zu vermitteln.
Meine erste Nacht in Brasilien habe ich in einem Zimmer des Centro Pastoral verbracht, um hier mit den Leuten und der Sprache vertraut zu werden. Auch jetzt, nach schon über drei Monaten, kann ich mich bei Fragen, Problemen oder sonstigem jederzeit an die Leute des Centro Pastoral wenden.
Am zweiten Tag wurde ich in meine Gastfamilie gebracht. Dabei handelte es sich um ein älteres Ehepaar, das in einer Baracke aus Wellblech, Holz und Plastikplanen wohnte. Sie sind Mitglieder des MST, dem Movemento Sem Terra (= Landlosenbewegung).

Das Movemento Sem Terra

Hier haben die Kinder des MST und ich unsere Eindrücke des Strandurlaubs

Das MST ist eine Vereinigung von Arbeitern aus Mittel- und Südamerika, die für die „Reforma Agrária” kämpfen, das heißt, für eine gerechtere Verteilung des Grundbesitzes. Vereinfacht sieht das ungefähr so aus: Mittellose Familien schließen sich zusammen und errichten eine Siedlung aus Baracken auf dem Grundstück eines Großgrundbesitzers oder einer reichen Firma, welches bis dato unbenutzt war. Diese Siedlungen sind illegal, aber das MST versucht zu erreichen, dass die Menschen dort langfristig bleiben können – viele träumen davon, vielleicht eines Tages sogar ein richtiges Haus bauen zu können – und dass der Besitz des Grundstückes an die Allgemeinheit übergeht.
„Meine” Siedlung ist seit August 2006 legal und die Familien haben begonnen, Grundstücke unter sich zu verteilen und neue, bessere Baracken zu bauen. Dies ist zwar ein erfreuliches Ereignis, hat aber den Nachteil, dass nun der Teamgeist nachlässt und fast alle anfangen, mehr für sich selbst zu kämpfen.
Nun bin ich schon seit über drei Monaten in Brasilien und trotzdem hat sich noch kaum so etwas wie Alltag eingespielt. Ich habe, im Gegensatz zu meinen anfänglichen Erwartungen, keine geregelten Arbeitsaufgaben oder -zeiten. Anfangs fand ich es unglaublich schwierig, jeden Morgen aufzustehen ohne im Geringsten zu wissen, was mich erwartet, mittlerweile finde ich es aber richtig spannend. Es gibt so viele Stellen, wo man mit anpacken kann, wenn man die Augen offen hält: Einige Kinder gehen nicht zur Schule und haben den ganzen Tag nichts zu tun. Andere sind schon in der dritten oder vierten Klasse und können gerade mal ihren Namen schreiben. Es gibt außerdem eine ganze Menge Erwachsener, die weder lesen noch schreiben können, wodurch sie sich unmündig und hilflos fühlen und kaum eine Chance haben, eine ausreichend bezahlte Arbeitsstelle in der Stadt zu finden.
Einige Familien pflanzen ihre Lebensmittel selbst an, andere verrichten schlecht bezahlte Arbeiten um ihren Lebensunterhalt zu sichern und es kommt sogar vor, dass Familienväter in den Mülleimern nach Brauchbarem suchen. Zum Glück erhält jede Familie einmal im Monat ein Spendenpaket der Kirche mit Grundnahrungsmitteln.

Edvaldo beim Kochen (Reis, Bohnen und Huehnchen) :0)

Im Moment sind fast alle Familien damit beschäftigt, neue Baracken weiter oben auf dem Hügel zu bauen, um die jetzige Wohnfläche zum Anpflanzen zu nutzen, wofür man natürlich auch viele starke Hände braucht. Ich fühle mich angesichts meiner recht geringen körperlichen Kräfte nicht sonderlich für den Barackenbau geeignet und habe deshalb beschlossen, mich mehr um Bildungsaktivitäten für Kinder und Erwachsene zu kümmern.
Inzwischen gebe ich drei Mal die Woche Englischunterricht, und von Montag bis Freitag helfe ich nachmittags bei einem Alphabetisierungsprogramm für Erwachsene mit. Nach den Sommerferien (also im Februar) haben wir vor, etwas ähnliches auch für die Kinder anzubieten und außerdem versuche ich, ein regelmäßiges Jugendprogramm, wenigstens einmal pro Woche, auf die Beine zu stellen.
Ansonsten verbringe ich jeden Tag recht viel Zeit mit dem Versuch, mich und meine nähere Umgebung einigermaßen sauber zu halten. Ohne Strom und fließendes Wasser dauert das einfach viel länger als ich das bisher gewöhnt war.
Das Wasser muss aus den Brunnen gekurbelt werden, möglichst ohne größere Verluste zu den Hütten transportiert werden und meistens gibt es eine ganze Menge Kleintiere, die man aus dem Wasser fischen muss, bevor man es benutzen kann. Außer zum Duschen verwenden wir eigentlich nie warmes Wasser, weil es recht lang dauert, die Wassereimer auf dem Feuer zu erhitzen und für alle die es noch nie versucht haben: Fettiges Geschirr spülen dauert mit kaltem Wasser stundenlang!
Die meisten Menschen im MST haben in ihrem Leben schon unglaublich viel durchgemacht und sind trotzdem offen und gastfreundlich. Ich werde fast täglich von jemandem zum Kaffeetrinken eingeladen, um von Deutschland zu berichten. Zum Beispiel, dass es dort keine „Favelas” gibt, dass es im Winter schneit (ja, Schnee ist kein Märchen, den gibt’s wirklich!), dass man das Meer überqueren muss, um nach Brasilien zu kommen, dass es dort auch andere Nahrungsmittel als Kartoffeln und Sauerkraut gibt, und dass es absolut NICHT allgemein üblich ist, sein Bier warm zu trinken …
Dafür erzählen mir die Leute dann  aus ihrem Leben. Oft sind die Eltern oder Großeltern vom Land in die Stadt gezogen, um dort eine bessere Arbeit zu finden und dann in einer Favela gelandet. Andere haben schon in Häusern gewohnt, waren verheiratet und hatten eine gute Lebensgrundlage, die sie aufgrund von Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes oder anderen Schicksalsschlägen verloren haben.

Mein Kulturschock

Meine ersten Wochen in Brasilien waren unglaublich hart. Ich hatte mich zwar recht gut vorbereitet gefühlt, aber der Kulturschock hat mich trotzdem gepackt. Dann kamen noch die Schwierigkeiten der Lebensumstände und der Sprache dazu, die mir heute glücklicherweise viel leichter fallen. Ich habe in den ersten Wochen viel Zeit im Centro Pastoral Santa Fé verbracht (einem richtigen Haus!) wo es viele junge Mitarbeiter gibt, die alles Mögliche in Bewegung gesetzt haben, um mir den Einstieg in das „neue Leben” leichter zu machen. Diese Erfahrung war zwar ziemlich schwierig für mich, hat mir aber beigebracht, dass man sich manchmal einfach auf andere verlassen muss und dass man nie ganz alleine ist. Ich habe viele intensive Gespräche geführt und somit einige richtig gute neue Freunde gewonnen. Im Nachhinein betrachtet, bin ich sogar froh, gezwungen gewesen zu sein, Schwäche zu zeigen. So schämen sich die anderen heute auch nicht, mir ihre Probleme zu erzählen oder in meiner Gegenwart zu weinen. Es ist eine unglaublich gute Erfahrung, etwas von der Hilfe zurück geben zu können, die ich in Anspruch genommen habe (und immer noch nehme).
Heute habe ich noch genau 2 ½ Monate in Brasilien vor mir, für die ich schon eine ganze Menge Pläne geschmiedet habe. Manchmal habe ich sogar Angst, dass sechs Monate eine viel zu kurze Zeit in Brasilien sind.
Alles in allem bin ich froh, hier zu sein. Ich habe schon viele wertvolle Erfahrungen gemacht, die ich bestimmt nicht mehr so schnell vergessen werde.

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